"Vor dem Auftauen ist keiner tot" – Russischer Arzt zieht Erfrorenen aus dem Jenseits

Zugegeben: Das Sprichwort, das zumindest in Russland im Bereich der Intensivmedizin seit den 1970er Jahren gang und gäbe ist, haben wir hier etwas auf die Spitze getrieben wiedergegeben. Doch genau so muten Fälle wie dieser für einen Normalmenschen an – wie Wunder. Ein russischer Anästhesiologe und Intensivmediziner erzählt, wie man einen klinisch toten schwer Unterkühlten noch vor dem sicheren Tod rettet – ganz standardmäßig nach Protokoll und etwas Glück vorausgesetzt.

Ende März 2026 vollbrachten Ärzte der Stadt Mirny in Russlands Teilrepublik Sacha (Jakutien) ein wahres Wunder: Sie reanimierten einen Mann, der bei -20 Grad Celsius im Freien erfroren war. Und das wiederum ist keine Übertreibung: Er wurde ohne jedes Lebenszeichen ins Krankenhaus eingeliefert und für klinisch tot befunden – ein Zustand, in dem er sich mindestens fünfeinhalb Stunden, Behandlung eingeschlossen, befand. Doch dem Reanimationsspezialisten Dmitri Bossikow gelang es, den Patienten mithilfe eines etablierten Protokolls für Unterkühlungspatienten vom Rande des Todes zurückzuholen. Die Reanimation dauerte fünf Stunden. In einem Interview für RT erklärte Bossikow die Funktionsweise dieser speziellen "Auftau"-Methode.

Dmitri, erzählen Sie uns, wie dieser Patient bei Ihnen eingeliefert wurde

Der Rettungssanitäter gab Bescheid, dass sie einen Mann ohne Lebenszeichen, aber mit Anzeichen von Unterkühlung, ins Krankenhaus transportieren. Rettungsteams warnen stets bei anstehende Einlieferungen kritisch kranker Patienten, das ist gängige Praxis. Wir haben ein spezielles Protokoll für solche Situationen. Es unterscheidet sich von der Standardreanimation:

Bei einem Kreislaufstillstand unter normalen Umständen etwa beginnen wir sofort mit der Herzdruckmassage; wenn die Ursache des Herzstillstands jedoch eine vollständige Unterkühlung ist, ist die Vorgehensweise anders.

Sie können also nicht sofort eine Herzmassage durchführen?

Der Zeitpunkt für die Herzdruckmassage hängt von der Körperkerntemperatur des Patienten ab. Zuerst muss die Körperkerntemperatur gemessen werden, dann können die verfügbaren Wiederaufwärmungsmaßnahmen angewendet werden.

Wie haben Sie ihn aufgewärmt?

Wir haben die einfachste und schnellste Methode gewählt: wiederholte Magen- und Blasenspülungen sowie die Infusion erwärmter Lösungen. Das ist ein langwieriger Prozess. Man kann den Patienten nicht in nur einer bis zwei Stunden auf Solltemperatur aufwärmen, da die empfohlene Aufwärmungsrate zwei Grad Celsius pro Stunde nicht überschreiten darf. Und seine Ausgangskörperkerntemperatur betrug 24 Grad Celsius.

Wie haben Sie das festgestellt?

Mit einem speziellen Sensor, der tief in die Speiseröhre eingeführt werden musste.

Auf welche Temperatur musste er aufgewärmt werden?

Das klinische Protokoll des Europäischen Rates für Wiederbelebung (ERC) besagt, dass umfassende Reanimationsmaßnahmen erst eingeleitet werden sollen, wenn die Körperkerntemperatur 30 Grad Celsius erreicht hat. Sie schlagen sonst schlichtweg nicht an. Denn solange die Temperatur unter 30 Grad Celsius liegt, lassen sich lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen – das sogenannte "kalte Kammerflimmern" oder "kalte Kammerflattern" – nicht unterbinden. Dabei handelt es sich um eine Form des Herzstillstands, bei der kein Kreislauf mehr vorhanden ist. Man kann dann endlos Elektroschocks verabreichen, aber sie werden dieses Kammerflimmern nicht unterbrechen.

Was haben Sie getan, nachdem Sie den Patienten auf 30 Grad aufgewärmt hatten?

Danach begannen wir mit der Reanimation, die 25 Minuten dauerte – bis der Spontankreislauf wieder einsetzte. Also bis das Herz wieder von selbst Blut pumpte. Wir beendeten die Herzdruckmassage an diesem Punkt, führten die Aufwärmung aber fort: Eine Körpertemperatur von 30–31 Grad ist zu niedrig. Wir wärmten ihn weiter auf 34 Grad Celsius auf, ebenfalls gleichmäßig und ohne Ruckler.

Konnte der Patient ab dann schon als gerettet gelten?

Ab dann beginnt die Nachbehandlungsphase nach der Reanimation. Er begann zu reagieren – er bewegte sich und wehrte sich gegen das Beatmungsgerät. Um dann das Gehirn vor möglichen Schäden durch Sauerstoffmangel zu schützen, verabreichen wir Präparate zur tiefen Sedierung: Der Patient wird für zwei bis drei Stunden in eine leichte Narkose versetzt. Anschließend wird die Sedierung abgesetzt und wir werten die Hirnfunktion aus. Das Gehirn dieses Patienten war vollständig intakt.

Konnte er sich erinnern, was passiert war?

Natürlich nicht. Und seine Reaktion, als er erfuhr, dass er klinisch tot war, war typisch: Überraschung, dann Verleugnung, dann Abfinden und Akzeptanz. Wir entließen ihn nach fünf Tagen; er verließ das Krankenhaus auf seinen eigenen zwei Beinen.

Wie lange war er in der Kälte gelegen?

Das ist unbekannt. Es könnte eine Stunde gewesen sein, es könnten vier Stunden gewesen sein. Rechtsmediziner können es wahrscheinlich mithilfe von Formeln berechnen: Umgebungstemperatur, Luftfeuchtigkeit, Wind. Wir haben das nicht getan – wir bekamen einen Patienten ohne Lebenszeichen, aber mit eindeutigen Anzeichen von Unterkühlung. Und wir haben uns an das Protokoll gehalten.

Wäre es ohne Sie nur ein weiterer Todesfall gewesen?

Glück macht die Hälfte des Erfolgs aus. Hätte man ihn nicht gefunden, wäre alles verloren gewesen; wären weitere Verletzungen oder Begleiterkrankungen hinzugekommen, wäre der Ausgang ungewiss gewesen. Man kann nicht sagen: "Wir haben es so und so gemacht, und es ist allein unser Verdienst." Da ist ein Zusammenspiel vieler Faktoren. Wie beim Schweizer Käse, nur im positiven Sinne. Vieles hätte anders laufen können, wenn etwas schiefgegangen wäre.

Woher wussten Sie, was zu tun war?

Wir sind Ärzte – Anästhesisten und Intensivmediziner. Die Intensivmedizin ist unser täglich Brot, und für mich mein Hauptberuf. Ich muss die Protokolle für meine Arbeit kennen. Neben der Unterkühlung gibt es noch etwa 17 weitere Krankheitsbilder, bei denen ebenfalls das Standardprotokoll ein anderes ist. Und man muss jedes einzelne davon kennen.

Für den Durchschnittsmenschen ist das ein Wunder. Für Sie nicht?

Der Durchschnittsmensch denkt wohl: "Na das ist ja ein Ding, die haben einen gefrorenen Menschen aufgetaut." Tatsächlich ist alles ganz gesetzmäßig: Ein Mensch, dessen Blutkreislauf aufgrund von Unterkühlung aussetzt, stirbt nach einem bestimmten Schema. Das ist eine Kette von Ereignissen, die sich von Person zu Person nicht ändert. Alle diese Glieder – das Auftreten von Herzrhythmusstörungen und Kammerflimmern oder -flattern – sind seit Langem erforscht. Es erscheint daher wie ein Wunder, ist aber tatsächlich ein gut verstandenes Phänomen.

Sie hatten doch schon Erfahrung mit solch einer Langzeitreanimation, nicht wahr?

Wir haben auch Erfahrung mit Reanimationen von zwei Stunden, drei Stunden Länge. Die Geschichte hatten wir schon. Und wir kennen die Folgen. Es gibt da auch dieses Sprichwort:

"Niemand gilt als tot, ehe er nicht aufgewärmt wurde." 

Das gibt es schon seit den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts. Man muss den Menschen erst aufwärmen, dann weiß man, ob es eine Leiche oder ein Lebender ist.

Wie oft begegnen Ihnen solche Fälle?

Ich hatte oft solche Patienten, als ich im Rettungsdienst gearbeitet habe. Das kommt häufig vor. Aber im Rettungswagen ist das etwas anderes: Die Ressourcen sind anders, die Umgebung ist anders, das Team besteht aus einem Fahrer und zwei Sanitätern. Und hier hatte ich ein Team von acht Personen.

War Alkohol im Blut des Patienten? Hat er die Situation verschlimmert oder verbessert?

Das kann ich nicht sagen. Wir haben ihn darauf nicht getestet: Er war in einem solchen Zustand, dass wir uns derartige Ablenkungen nicht leisten konnten. Theoretisch hätte Alkohol aber auch eine positive Rolle spielen können: Er verlangsamt den Stoffwechsel.

Erzählen Sie mir, wie sind Sie Arzt geworden?

Es ist eine klassische Geschichte einer "Berufsdynastie": Meine Großmutter war Ärztin. Alle Bücher handelten von Medizin. Ich war von Ärzten umgeben. Nach und nach wurde ich davon mitgerissen. Und irgendwann merkte ich, dass ich gar keine Gedanken an eine andere Berufswahl mehr hatte.

Warum Anästhesiologie und Intensivmedizin?

Mir gefällt die Besonderheit der Arbeit. Für dieses Fachgebiet entscheiden sich Menschen mit bestimmten Eigenschaften und Temperamenten. Die Intensität, die Geschwindigkeit: Zwei Minuten für einen Allgemeinmediziner und zwei Minuten für einen Intensivmediziner sind jeweils zwei völlig unterschiedliche Minuten. Außerdem ist mein Ausgangspunkt der Rettungswagen. Und in diesem Bereich gibt es Intensivtherapiebrigaden, die später als Anästhesie- und Intensivteams bekannt wurden.

Übersetzt aus dem Russischen.

Mehr zum Thema - "Segen der Impfungen" – Ex-Minister Lauterbach beklagt "Fake-News" in der Enquete-Kommission