Russlands Verkehrswesen blickt auf stabile Zukunft – Bericht vom Fachforum in Moskau

Vor etwa einem Jahr sahen wir Russlands öffentlichen Nahverkehr am Scheideweg. Seitdem hat sich viel getan: Es gibt nun tatsächlich eine nationale Strategie, von Präsident Wladimir Putin im August und September 2026 verbindlich formalisiert. Man ist auf dem Weg zur stabilen Finanzierung und nimmt den ÖPNV als Daseinsvorsorge wahr.

Von Alexej Danckwardt

Vor eineinhalb Jahren hatte RT DE die Lage und die Perspektiven des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) in Russland bereits in einem Beitrag thematisiert. Der damalige historische Rückblick und die Lagebeschreibung hatten da noch zu diesem Fazit geführt:

"Das Problem ist und bleibt die Finanzierung. Hier hängt bislang alles von den objektiven Möglichkeiten einer Region und der Tüchtigkeit der vor Ort tätigen Beamten ab. Eine landesweite Strategie ist trotz sporadischer Ko-Finanzierungsmodelle nach wie vor nicht erkennbar. Dabei ist ein attraktiver Nahverkehr – möglichst umweltfreundlich und daher im Idealfall elektrisch – überall im Land ein wichtiges Element gleichwertiger Lebensbedingungen, ein wichtiges Ziel der Entwicklung Russlands. Er ist Daseinsvorsorge und staatliche Pflichtaufgabe, als Spielball für Markt und Kommerz nicht geeignet."

Seitdem hat sich trotz parallel laufender Anstrengungen im Rahmen der militärischen Sonderoperation zur Überraschung des Autors gerade auf den Feldern der Finanzierung und einer landesweiten Strategie viel getan – wie auf dem diesjährigen Forum Öffentlicher Nahverkehr 2026, das am 14. und 15. Oktober in Moskau durch den Bund Russländischer Industrieller und Unternehmer abgehalten wurde, zu erfahren war.

Besonders hochkarätig besetzt war das Podium am 15. Oktober bei der Abschlussrunde im Nationalen Ausstellungszentrum Rossija direkt zu Füßen des Wolkenkratzerviertels Moskau City und des einen Wolkenkratzers, in den demnächst die Zentrale der Russischen Eisenbahnen einziehen wird. Nicht weniger als sieben Top-Beamte waren auf dem Podium versammelt, darunter Vizepremier Marat Chusnullin, der neue Verkehrsminister der Russischen Föderation Andrei Nikitin, der Stellvertretende Minister für Industrie und Handel Albert Karimow, mehrere regionale Fachminister und ein Duma-Abgeordneter.

Nikitin, der seit Juli letzten Jahres Verkehrsminister ist, zeigte sich in seinem Vortrag durchaus kritisch und unzufrieden mit dem bisher Erreichten: Die vom russischen Präsidenten der Branche gesetzten Zielvorgaben seien noch nicht erreicht, man müsse in der Arbeit noch einen Zahn zulegen, um das Geforderte landesweit umzusetzen – eben für die gleichwertigen Lebensverhältnisse im gesamten Riesenland zu sorgen.

Tatsächlich steht Russland ja vor zwei großen Aufgaben gleichzeitig: zum einen, die vielen Metropolen und großen Städte mit effektiven, modernen und attraktiven Verkehrsnetzen zu versorgen, zum anderen, auch für die gigantischen dünnbesiedelten Flächen, für die Hunderttausenden Klein- und Kleinstsiedlungen dort eine Grundversorgung vorzuhalten, die nie kommerziell tragbar sein kann und ohne finanzielle Unterstützung aus dem Staatshaushalt nicht auskommen wird.

Um das zu verdeutlichen, schilderte der Minister ein persönliches Erlebnis: Er habe in der Lobby eines Hotels in der russischen Provinz einst spätabends mehrere Dorfbewohner angetroffen und sie gefragt, warum sie hier ausharren müssen. Es stellte sich heraus, dass die letzte Busverbindung in ihr Dorf die Kreisstadt, in der sich das Gespräch ereignete, zu früh verlässt – es bleibt keine Zeit, alle Arzttermine und nötigen Behördengänge zu erledigen. Ein Hotelzimmer könne man sich nicht leisten und warte darum in der Lobby auf die Heimfahrt am nächsten Morgen. Und genau das, mahnte Nikitin, zeige, dass man noch lange nicht am Ziel sei, ein an den Bedürfnissen der Menschen ausgerichtetes Mobilitätsangebot organisiert zu haben.

Auch dafür weisen die Vorgaben des Präsidenten die Richtung, wie sich im späteren Diskussionsverlauf zeigte: Für die Fläche soll ein flexibles, aber jederzeit verfügbares Angebot aufgebaut werden. Der Bus wird auf Bestellung dann und dort fahren, wann und wo er gebraucht wird, zum Preis, den sich die Menschen leisten können. Man steht noch ganz am Anfang, aber spätestens bis 2030 soll dies landesweite Lebensrealität sein.

Es ist gut, dass bei all den großen Vorzeigeprojekten von Hochgeschwindigkeitszug bis zu Elektrobussen, fahrerlos fahrenden Straßenbahnen und eher zweifelhaften Zukunftsvisionen wie fliegenden Yandex-Drohnentaxis auch der Rufbus ins entlegene Dorf nicht vergessen wird!

Zu den weiteren Aufträgen, die Wladimir Putin der Branche im August 2026 für das Zieljahr 2030 erteilte, gehört die Erneuerung des Fuhrparks: 2030 sollen landesweit 85 Prozent der Busse und Bahnen der neuesten Generation angehören und die wirtschaftliche Betriebsdauer (gewöhnlich sind es um die zehn Jahre bei Bussen, 20 bei Straßenbahnen und 30 bei Metros und Zügen) nicht überschreiten. Industrieseitig, das haben wir schon 2025 festgestellt, sind alle Voraussetzungen dafür geschaffen, dieses Ziel zu erreichen: Jährlich können in den Fabriken des Landes 700 moderne, niederflurige Straßenbahnen sowie jeweils mehr als 2.000 Elektrobusse und Trolleybusse vom Band laufen.

Und was ist mit der Finanzierung? Hier nimmt die Föderationsebene ihre Verantwortung nun in größerem Umfang als in der Vergangenheit wahr: 2026 kommen 29 Milliarden Rubel für die Fahrzeugerneuerung aus den Haushalten der Föderationssubjekte, aber 39 Milliarden Rubel aus dem Bundeshaushalt. Die Finanzmittel stehen endlich auf einer verlässlichen Basis – die Zuschüsse füllen einen geschützten, zweckgebundenen Fonds. So haben sowohl die Städte und Gemeinden als Besteller als auch die Hersteller Planungssicherheit, auch wenn die Forderung laut wurde, in längeren Zeiträumen zu budgetieren. Geplant ist übrigens, die Finanzierung der Öffentlichen künftig aus einem gesetzlich festgeschriebenen Teil des Straßenbaufonds zu erledigen – dann wäre sie tatsächlich stabil, berechenbar und unantastbar.

Letztes Jahr bescheinigten wir der russischen Politik noch einen dem ÖPNV eher unzuträglichen wirtschaftsliberalen Blick auf das Verkehrswesen:

"Auch in Russland nahm man den ÖPNV nicht mehr als öffentliche Daseinsvorsorge und staatliche Pflichtaufgabe wahr, sondern als Geschäftsfeld wie jedes andere, auf dem 'die unsichtbare Hand des Marktes' alles regeln sollte."

Davon kommt man allmählich ab und versteht das Verkehrsnetz tatsächlich wieder als staatliche Pflichtaufgabe. Zwar ist immer noch von "belebender Konkurrenz" und von privaten Erbringern von Verkehrsleistungen die Rede, man hat sich aber inzwischen zu der Erkenntnis durchgerungen, dass es überall einen dauerhaft gebundenen Grundversorger geben muss, der ausdrücklich auch in kommunaler oder staatlicher Trägerschaft stehen könne – ein "Garantieunternehmen", wie man es auf dem Podium nannte. Damit nicht das passiere, was wohl in der Vergangenheit in einem namentlich nicht genannten (und dem Autor nicht bekannten) Fall geschehen ist: dass ein privates Busunternehmen mitsamt der staatlich finanzierten Busse kurzerhand in den höhere Entgelte zahlende Nachbarbezirk "umzieht" und ein ganzes Föderationssubjekt über Nacht ohne die bestellten Buslinien dasteht.

Das ist noch nicht ganz die nötige Lehre aus Privatisierungspleiten auf der ganzen Welt, aber zumindest stimmt jetzt die Tendenz, und man erkennt die Risiken des zügellosen Liberalisierens.

Das alles stimmt optimistisch für die Zukunft des ÖPNV in Russland – optimistischer als vor einem Jahr allemal. Und auch am nächsten Schritt wird bereits gearbeitet: einem landesweiten, an den tatsächlichen Verkehrsbedürfnissen ausgerichteten, integrierten Verkehrsnetz, bis ins Detail durchgeplant mithilfe von KI. Damit jeder Russe und jeder Gast Russlands dort losfahren kann, wo er wohnt, und zuverlässig dort ankommt, wo er hinwill – auch ohne Auto.

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